Steffen Kopetzky – Risiko: Eine deutsche Expedition

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs hat der Orientalist und Diplomat Max von Oppenheimer eine größenwahnsinnige Idee: Eine deutsche Expedition von Istanbul nach Kabul. Noch nie haben Deutsche die Route durch die große Salzwüste Kawir gewagt. In Kabul sollen sie den Emir von Afghanistan und die Stämme der Patschunen zum Dschihad anstacheln und die ungeliebten britischen Kolonialmächte destabilisieren. In Istanbul startet eine Gruppe Abenteurer auf einen Weg ins Ungewisse. Im Gepäck haben sie Waffen, einen Generator, eine Funkanlage, Geld und 10.000 Flugblätter. Kopetzky erzählt mit Hilfe vieler historischer Details, wie die Wüste die Mitglieder des Unternehmens an ihre mentalen und physischen Grenzen bringt.

Buchumschlag Risiko Steffen KopetzkyDie Handlung dieses 700-Seiten-Romans von Steffen Kopetzky beginnt in der albanischen Hafenstadt Durazzo. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieg steht kurz bevor. Sebastian Stichnote ist der Held unserer Geschichte. Stichnote ist als Marinefunker kaiserlicher Obermaat auf dem deutschen Kreuzer SMS BRESLAU, dem schnellsten Schiff im Mittelmeer. Ihm schauen wir über die Schulter. Mit seinem Schicksal fiebern wir mit, erleben seine Tiefschläge, verfolgen seine folgenschweren Entscheidungen und begleiten ihn bei seinem unmenschlichen Überlebenskampf.

Die Geschichte beginnt harmlos und zeigt uns das Leben vor dem Krieg in Albanien. Stichnote verliebt sich in eine Albanerin und entgeht einem Attentat, das die Brüder der Albanerin auf ihn verüben wollen. Stichnote überlebt mit Glück und Vernunft in der ihm fremden Kultur. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieg flüchtet die SMS BRESLAU gemeinsam mit dem Schlachtkreuzer SMS GOEBBEN vor der britischen Kriegsflotte nach Istanbul. Zu Kriegsbeginn ist das Osmanische Reich noch neutral. Der Deutsche Kaiser übergibt die Schiffe dem Osmanischen Reich als Geschenk. Churchill hatte kurz zuvor in England zwei Kriegsschiffe, die für das Osmanische Reich gebaut worden waren, beschlagnahmt. Die Kriegsschiffe, die in Istanbul Schutz suchten, kommen zur rechten Zeit. Beim Angriff im Schwarzen Meer auf Noworossijsk erfährt Stichnote das Grauen des Krieges aus der Ferne. In Istanbul befördert das Militär ihn zum Leutnant, damit er mit türkischen, indischen und deutschen Offizieren ein Strategie-Brettspiel spielen kann. Er ist erleichtert, als er das Angebot erhält, bei der Expedition nach Afghanistan mitzumachen zu können. Im Laufe der Geschichte übernimmt er immer mehr Verantwortung, wächst an seinen Aufgaben und zeigt enormes Durchhaltevermögen – als einer der wenigen Überlebenden.

Die Niedermayer-Hentig-Expedition

Die Expedition besteht aus Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Das erste Mal werden Deutsche diese 5000 Kilometer lange Reise antreten. Der Leiter der Expedition, der Königlich-Bayrische Oberleutnant Oskar von Niedermeyer, ist Geograph und Orientalist. Er trat bei seiner ersten Reise nach Persien dem Geheimbund der Bahai bei, einer verfolgten Geheimorganisation im Iran. Stichnote ist offiziell von der Osmanischen Marine abgestellt. Er führt sein Brettspiel mit sich, welches am Ende der Expedition eine Rolle spielen wird, und trägt die Verantwortung für eine sensible Funkanlage, die für die Wüste ungeeignet ist. Er leidet schon in Istanbul an Zahnweh, das er nicht behandelt. Seine Schmerzen wird er in der Wüste mit flüssigem Heroin und Opium behandeln müssen. In Kabul wird er als „Vogelmann“ eine Wiederauferstehung erleben. Ein weiteres Mitglied der Expedition ist Adolf Zickler, ein jüdischer Journalist aus der Schweiz mit homoerotischen Zügen, der als Waffenhändler unter falscher Identität mitfährt. Andrew Gilbert, ein britischer Geheimagent, fährt als der indische Prinz Ashraf Hassan Khan mit. Er wird Standort und Ziele der Expedition an die Briten weitergeben. Insgesamt besteht die Expedition aus bis zu 140 Mann, 236 Tragtieren und 230 Brieftauben. Historisch dokumentiert ist die Expedition unter dem Namen Niedermayer-Hentig-Expedition1.

Kopetzky verarbeitet in seinem Roman eine ungeheure Menge an historischen Fakten. Er soll für diesen Roman zehn Jahre recherchiert haben. Die Hauptquelle für den Roman sind die Aufzeichnungen von Oskar von Niedermayer, dem Leiter der Expedition. Niedermayer hat diese Expedition in seinem Buch „Unter der Glutsonne Irans“2 dokumentiert. Die Hauptfigur Sebastian Stichnote ist erfunden. Kopetzky bettet seinen Protagonisten Stichnote in die historischen Vorgänge ein. Er vermittelt uns mit Hilfe von  gibt vielen unterschiedlichen Figuren, Geschichten und Stimmungsbildern ein Gefühl für den Alltag der damaligen Zeit. Uns begegnen berühmte Persönlichkeiten. Wir lernen Max von Oppenheimer kennen, der den Grundstein für die Expetition setzt. Das Militär rekrutiert den Algerier Lucien Camus, dem Vater von Albert Camus, der sein Weingut und seine Familie verlassen muss. Alois Musil taucht in der Handlung auf, der als Gegenspieler von T. E. Lawrence für Österreich mit den arabischen Fürsten in der Türkei verhandelt. Gegen Ende der Geschichte begegnet Stichnote in Afghanistan sogar Ghandi. Wir erleben hautnah, wie die deutsche Kultur auf dem Kriegsschauplatz des Nahen Osten aufschlägt – unvorbereitet, ahnungslos, naiv. Ein Detail zeigt, wie die Expeditionsmitglieder an ihre Reise herangehen. Zur Vorbereitung lesen sie Bücher von Karl May, um sich über die persische Kultur zu informieren. Wenn man bedenkt, dass Karl May die Länder, die er in seinen Büchern beschreibt, nicht besucht hat, klingt das grotesk.

Der Beginn von Progromen

Als das Osmanische Reich in den Krieg eintritt, ändert sich die Stimmung im türkischen Reich. Kopetzky schildert in einem kurzen Kapitel Szenen, die die Stimmung in Istanbul wiedergeben. Auf den Straßen beginnen Progrome gegen Christen, Griechen und Armenier. Der erste große Genozid dieses Jahrhunderts beginnt. Franz Werfel setzte mit seinem 1000-Seiten-Roman „Die 40 Tage des Musa Dagh“3 den Vorgängen zu dieser Zeit ein eindrucksvolles Denkmal. Die Handlung spielt zur selben Zeit in der südlichen Türkei. Die Armenier dort sind massiven Progromen ausgesetzt. Die Geschichte handelt von dem Armenier Gabriel Bagradian. Er flüchtet mit tausenden Armenier vor den türkischen Übergriffen und leitet den Verteidigungskampf auf den Berg Musa Dagh. Dieses Buch berichtet über eine wahren Begebenheit, die sich im Zuge der Progrome gegen Armenier zugetragen hat. Bis heute sind Historiker der Meinung, dass die Türken zu dieser Zeit bis zu einer Million Armenier ermordet haben. Der Roman „Die 40 Tage des Musa Dagh“ ist ein sehr lesenswertes Buch, gewaltig geschrieben, mit einem unglaublichen Finale.

Das deutsche Reich und seine Kolonien

Im Ersten Weltkrieg versucht Deutschland seine Kolonien zu stärken und den Krieg auf seine Gegner weltweit auszudehnen. Es scheint, dass all diese Projekte an der deutschen Mentalität scheitern. Deutsche Korrektheit und Ingenieurskunst stößt in einer Salzwüste oder im Regenwald auf unkontrollierbare Naturgewalten und fremde Kulturen. Ein ähnliches Projekt beschreibt der Schweizer Autor Alex Capus in seinem historischen Roman „Eine Frage der Zeit“.4 Vor Beginn des Ersten Weltkriegs startet Kaiser Wilhelm ein Projekt, das die Kolonialmacht Deutschlands stärken soll. Deutsche Ingenieure konstruieren das Passagier- und Frachtschiff GÖTZEN. Sie bauen es zusammen, zerlegen es wieder und transportieren es in 5000 Kisten quer durch Deutsch-Ostafrika von Daressalam an den Tanganjikasee. Dort bauen sie es wieder zusammen. Zu Kriegsbeginn verwenden sie es als Kriegsschiff im Kampf gegen die Briten. Das Projekt erleidet Schiffbruch. Die Geschichte handelt auch von einer wahren Begebenheit, einem deutschen Kolonialprojekt, das unter unmenschlichen Bedingungen scheitert. Etwas Gutes hat das Projekt noch heute: Die Götzen ist noch heute als einziges Passagierschiff auf dem Tanganjikasee unterwegs.

Zurück zu dem Buch ‚Risiko‘: Die Expedition nach Kabul gerät in große Schwierigkeiten. Es sind zu viele unbekannte Parameter, die bei der Planung nicht einkalkuliert werden konnten. Deuschland hatte zu wenig Erfahrung mit Kolonien. Die Expedition stösst immer wieder auf unvorhergesehene Probleme. Es ist eine Geschichte von Mißverständnissen, Menschlichkeiten und einem Kampf gegen Naturgewalten. Sie ist ausgezeichnet recherchiert und gespickt mit historischen Daten. Fiktion fließt nahtlos in die geschichtlichen Vorkommnisse mit ein. Das Buch animiert den Leser, mehr über die damaligen Vorkommnisse zu erfahren. Der Roman von Steffen Kopetzky hat mir einen Teil der Geschichte des letzten Jahrhunderts neu entdecken lassen. 2015 war das Buch für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Karte zu der Route und genannte Orte:
Route der Expedition

  1. Niedermayer-Hentig-Expedition (Wikipedia)
  2. Niedermayer, Oskar von: Unter der Glutsonne Irans, Hamburg: Uhlenhorst-Verlag Curt Brenner 1925„>
  3. Werfel, Franz: Die 40 Tage des Musa Dagh. Fischer Taschenbuch 1990
  4. Capus, Alex: Eine Frage der Zeit. München: btb Verlag 2009
Risiko Book Cover Risiko
Steffen Kopetzky
Roman
Klett-Cotta
Februar 2015
Hardcover
731
978-3-608-9399-10

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