Rietenauer: Alma Mahler-Werfel, meine Liebe in Wien Döbling

Erich Rietenauer hinterließ mit seinen Memoiren Alma, meine Liebe eine wunderbare Sammlung von Anekdoten und persönlichsten Erlebnissen aus dem Umkreis der „Feme Fatale“ Alma Mahler-Werfel. Im Alter von acht Jahren verbrachte er zwischen 1931 und 1938 viel Zeit im Umfeld des Alma-Clans. Alma Maler-Werfel lebte zu dieser Zeit in der Ast Villa auf der Hohen Warte in Wien. Der junge Erich machte Photos und sammelte Autogramme von Berühmtheiten wie Thomas Mann, Wilhelm Furtwängler, Max Reinhard, Alban Berg, Gerhard Hauptmann oder Carl Zuckmayer. 70 Jahre später im Alter von 82 Jahren schrieb Erich Rietenauer seine Erinnerungen nieder.

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Die Riesenschuhe

Alma Mahler-Werfel, Döbling 1931 – Erich Rietenauer wurde 1924 in Wien geboren. Er wuchs mit seiner Mutter in sehr ärmlichen Verhältnissen in Wien Währing auf. Den Sommer 1931 lief der kleine Erich größtenteils barfuß herum. Im Herbst, als es richtig kalt wurde, fehlte das Geld für neue Schuhe. Doch, es gab ein Paar Schuhe. Die waren von einem Onkel. Dieser hatte Halbschuhe in der Größe 45, die er nicht brauchte. Dem jungen Erich waren sie 13 Nummern zu groß. Mit Unmengen Zeitungspapier stopfte seine Mutter die Schuhe aus, band sie mit Schuhbändern an den Füßen des 8-Jährigen fest.

Gehen funktionierte nicht, ich musste trampeln. Zuerst einen Fuß heben, einen Schritt vorziehen, gerade aufsetzten und den anderen Fuß auf die gleiche Weise nachziehen…In einem Lustspiel hätte ich mit meinen Bewegungen einen herrlichen Clown abgegeben.1

Es wurde eine Katastrophe für den Jungen. Die ganze Schule amüsierte sich über seine neue Fortbewegungsart. Die Schule stellte ihn vom Unterricht frei. Anfang Dezember veranstaltete die Stadt Wien Weihnachtsfeiern für bedürftige Kinder. Julius Tandler, der damalige Stadtrat von Wien, lud Erich Rietenauer zu einer solchen Weihnachtsfeier ein. Es war üblich, dass berühmte Stadtpersönlichkeiten die karitativen Geschenke verteilten. Im Casino Zögernitz übergab am 8. Dezember 1931 Alma Mahler-Werfel dem jungen Erich als Weihnachtsgeschenk ein Paar neue Schule. Der kleine Erich Rietenauer verliebte sich sofort in Alma Mahler-Werfel, in ihre Ausstrahlung, in ihren Geruch und in ihren Busen.

Anna Moll – die Bezugsperson

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Carl und Anna Moll 1933 © Erich Rietenauer

1931 zog Alma Mahler-Werfel in die Ast Villa auf der Hohen Warte in Wien. Durch einen Zufall lernte der 8-jährige Erich Rietenauer Anna Moll, die Mutter von Alma Mahler-Werfel kennen. Sie lebte mit ihrem Mann, dem berühmten Maler Carl Moll2, in der Villa an der Wollergasse 10 auf der Hohen Warte in Wien neben dem neuen Anwesen ihrer Tochter Alma. Sie war es, die den jungen Erich Rietenauer wie ihren Enkel aufnahm. Alle nannten ihn „Burschi“. Immer wieder kam er zu Besuch bei den Molls. Er machte für das ältere Ehepaar Besorgungen, bekam Kakao und Kuchen und durfte die einzige Kamera im Haus benutzen. Anna Moll macht mit ihm Hausaufgaben oder half ihm bei seiner Rechtschreibung. Nebenbei sammelt er Autogramme von den Persönlichkeiten, die im Nebenhaus bei der Frau Alma ein und aus gingen. Ein bisschen verliebte er sich dabei in die Tochter von Alma, Manon Gropius3, von allen kurz „Mutzi“ genannt. Von ihr sind in dem vorliegenden Buch besonders viele Photos zu sehen. Als „Mutzi“ an Kinderlähmung erkrankte und verstarb, ist er in ihren letzten Tagen bei ihr. Natürlich war er öfters dabei, wenn Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel selbst, das Ehepaar Moll und „Mutzi“ zusammen saßen. Die beiden Villen stehen direkt nebeneinander und die Gärten sind gegenseitig einsehbar.

Manon Gropius sitzend im Garten
Manon Gropius © Erich Rietenauer
Manon Gropius füttert ein Reh.
Manon Gropius füttert ein Reh, das zufällig in den Garten kommt. © Erich Rietenauer

 

Berühmtheiten und Anekdoten

Besonders amüsant lesen sich die Beschreibungen von „Burschi“, wenn er von seinen Begegnungen mit berühmten Persönlichkeiten berichtet. Wir erleben die Ereignisse auf der Hohen Warte aus der Sicht eines 8-Jährigen, der mit viel Witz und der Naivität eines kleinen Schuljungen erzählt, was sich vor seinen Augen alles abspielt. Da wundert der „Burschi“ sich, warum dieser Herr Gerhard Hauptmann die Frau Alma zur Begrüßung so lange küsst. Dann verwechselt er den Dichter in der Schule mit Goethe. Er behauptet, dass Goethe noch lebt, weil er ihn angeblich gerade erst auf der Hohen Warte bei der Frau Alma gesehen hat. Als er von Thomas Mann vor der Villa von Alma Mahler-Werfel trifft, sich vor ihn hinstellt und sagt „Herr Zauberer, bitte ein Autogramm, aber bittschön mit Datum!“4. Bei Alban Berg bemerkt er an dem Geruch seines Atems, dass dieser Herr gerade großen Hunger leidet. Umgehend bittet er seine Gönnerin Anna Moll ihn kräftig mit Essen zu versorgen. Alban Berg lebte in dieser Zeit in bitterer Armut und verstarb nur wenige Zeit danach. Wilhelm Furtwängler trifft er auf der Straße vor den Villen und weist ihm den Weg zu der Villa von Frau Alma, bringt ihn quasi persönlich „um die Ecke“. Stefan Zweig widmet „Burschi“ einen persönlichen Spruch und Carl Zuckmayer ist der Indianer, der wilde Geschichten erzählen kann. Einige der Erinnerungen stammen von alten Anna Moll, die dem „Burschi“ viel aus ihrem Leben erzählt. Johannes Brahms war berühmt für die Löcher in seinen Socken und seine Hühneraugen. Besonders lustig ist eine Geschichte von der alten Anna Moll über Gustav Klimt. Dieser ist privat anscheinend völlig unselbständig und hilflos gewesen. Alle diese Geschichten machen aus den angesehenen Künstlerpersönlichkeiten, die wir alle als überragende Übermenschen, als Titanen ihres Handwerks in höheren Sphären glauben, zu einfachen Menschen mit menschlichen Eigenschaften.

Ast Villa in Wien Döbling
Die Ast Villa von Alma Mahler-Werfel in der Steinfeldgasse 2, Wien Döbling
Villa von Carl und Anna Moll
Ehemalige Villa des Ehepaars Carl und Anna Moll um die Ecke in der Wollergasse 10, Wien Döbling

Die Femme Fatal Alma Mahler-Werfel

Alma Mahler-Werfel war zu ihrer Zeit eine der schillerndsten Frauen der Kulturelite und scharte ihr Leben lang die berühmtesten Künstler ihrer Zeit um sich. Sie spürte es, wenn Menschen eine außergewöhnliche Gabe hatten. Außerdem geizte sich nicht mit ihren weiblichen Reizen. „Wie mir später die Schulli erzählte, trug Frau Mahler niemals Büstenhalter oder Korsett“5 schreibt Rietenauer in seinen Erinnerungen über eine Äußerung von Ida Gebauer. Ida, liebevoll von allen „Schulli“ genannt, war mehr als 40 Jahre die rechte Hand von Alma Mahler-Werfel. Sie gab den Anstoß zu diesem Buch und trug mit vielen privaten Aufzeichnungen dazu bei.

Alma Mahler-Werfel wurde am 31. August 1879 in Wien geboren. Ihr Vater war der berühmte Landschaftsmaler Emil Jakob Schindler6 und ihre Mutter die Sängerin Anna Sofie Bergen. Die Mutter heiratete nach dem Tod ihres Mannes den berühmten Maler Carl Moll, der damals die Wiener Secession 7mitbegründet hatte.

Schon in jungen Jahren verdrehte Alma Männern wie Gustav Klimt, Alexander Zemlinsky oder Hans Pfister den Kopf. Ihr erster Eheman war Gustav Mahler, damals Direktor der Wiener Hofoper und 19 Jahre älter als die junge Alma. Er verstarb 1911 und machte sie zu einer wohlhabenden Frau. Ihre heftigste Liebesaffäre erlebte Alma mit Oskar Kokoschka. In ihrer Biographie Mein Leben8 beschrieb Alma ihre Affäre mit Kokoschka sehr treffend in einem Satz: „Niemals zuvor habe ich soviel Krampf, soviel Hölle, soviel Paradies gekostet.“9 Schließlich trieb sie Kokoschka soweit, dass er sich freiwillig für den Militärdienst meldete. Alma heiratete daraufhin den Begründer der Kunstschule „Bauhaus“, Walter Gropius10. Aus dieser Ehe ging die Tochter Manon hervor. Noch während sie mit Walter Gropius verheiratet war lernte sie Franz Werfel kennen und wurde von ihm schwanger. Das Kind starb kurz nach der Geburt. Sie spürte das künstlerisches Potential von Franz Werfel, ließ sich von Gropius scheiden und heiratete Franz Werfel. 1931 erwarb sie die Ast Villa auf der Hohen Warte in Wien. Bis zu ihrer Flucht nach Amerika 1938 wohnte sie dort direkt neben der Villa ihrer Mutter Anna Moll. Das ist auch der Zeitraum, in dem Erich Rietenauer über seine Erlebnisse in seinem Buch berichtet. 1938 flüchtete Alma Mahler-Werfel über Frankreich nach Amerika, wo sie 1964 im Alter von 85 Jahren verstarb. Ihr Gab befindet sich heute gemeinsam mit dem ihrer gelieben Tochter Manon auf dem Grinzinger Friedhof in Wien. Ein paar Meter entfernt liegt Gustav Mahler begraben.

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Das gemeinsame Grab von Alma Mahler-Werfel und ihrer Tochter Manon Gropius am Grinzinger Friedhof in Wien
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Ein paar Meter entfernt liegt am Grinzinger Friedhof Gustav Mahler begraben.

Schulli drängt auf das Buch

Fünf Jahre nach Alma Mahler-Werfels Tod traf Erich Rietenauer, mittlerweile Fotograf und Instruktor bei Fujifilm, zufällig Ida Gebauer, die „Schulli“, am Grab von Alma. Gemeinsam beschlossen sie ihre gesammelten Aufzeichnungen und Erinnerungen in einem Buch zu verarbeiten. „Schulli“ wollte die Wahrheit über das Leben mit Alma Mahler-Werfel ans Tageslicht bringen. Sie hatte die Idee, eine neue Sichtweise auf ihre ehemalige Arbeitgeberin und Freundin zu veröffentlichen. Ich vermute, dass „Schulli“ von Alma Mahler-Werfels Memoiren tief getroffen war. Sie hatte ihre Leben lang für das Wohl von Alma Mahler-Werfel gesorgt und bis zum Tod von Alma als ihre engste Bezugsperson gegolten. „Schulli“ gehörte über 40 Jahre zur Familie.

In persönlichen Briefen hatte sie Alma Mahler-Werfel immer liebevoll „Schwesterl“ genannt und ihr das Du-Wort angeboten. Aber in den Autobiographien erwähnte Alma sie immer nur etwas herablassend „protestantische Oberschwester Ida“ oder „die Oberschwester“. Als „Schulli“ 1977 verstarb, führte Erich Rietenauer die Verwirklichung des Buches weiter. Im Alter von 82 Jahren begann er seine Erinnerungen nieder zu schreiben.

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Ida Gebauer, genannt „Schulli“, war vierzig Jahre lang die rechte Hand von Alma Mahler-Werfel.

Das Buch – ein unentdeckter Schatz

Es ist kein literarisches Meisterwerk oder eine wissenschaftliche Arbeit. Es ist ein sehr tiefer Einblick in das persönliche Umfeld von Alma Mahler-Werfel, erzählt aus der Warte eines 8-Jährigen. Wer die Biografien von Alma Mahler-Werfel schon gelesen hat, dem möchte ich dieses Buch wärmstens empfehlen. Es ist ein erheiternde Ergänzung, die ein gänzlich neues Licht auf die Figur Alma Mahler-Werfel wirft. Andre Heller lud Erich Rietenauer 2013 in seine ORF III-Fernsehreihe „Menschenkinder“ ein, in der er Menschen mit ungewöhnlichen Biographien interviewte. Am 7. Oktober 2014 verstarb Erich Rietenauer, der letzte Zeitzeuge Alma Mahler-Werfels, in Wien.

Das Buch könnt ihr direkt beim AMALTHEA SIGNUM VERLAG bestellen.

 

 

  1. Rietenauer, Erich: Alma, meine Liebe. Persönliche Erinnerungen an eine Legende. Amalthea Signum Verlag:Wien
  2. Carl Moll (Wikipedia)
  3. Manon Gropius (Wikipedia)
  4. Rietenauer (2008), S. 83
  5. Rietenauer (2008), S. 27
  6. Emil Jakob Schindler (Wikipedia)
  7. Wiener Secession (Wikipedia)
  8. Mahler-Werfel, Alma: Mein Leben. S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main: 1960
  9. Mahler-Werfel, Alma(1960), S. 58
  10. Walter Gropius (Wikipedia)
Alma, meine Liebe Book Cover Alma, meine Liebe
Erich Rietenauer
Biografie
Amalthea Signum Verlag
2008
gebundene Ausgabe
288
978-3-85002-795-3
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