Antony Beevor: Der Spanische Bürgerkrieg. 1936-1939.

Mit akribischer Detailverliebtheit zerkleinert Antony Beevor den Spanischen Bürgerkrieg mit einer unglaublichen Vielfalt an geschichtlichen Fakten zu einem Gesamteindruck. Es ist eine gewaltige Dokumentation über die chaotischen Machtkämpfe zwischen Nationalisten, Republikanern, Anarchisten, Kommunisten, Faschisten und der westlichen Welt. Das Testgelände für den Zweiten Weltkrieg.

Der Mythos des Spanischen Bürgerkrieges

Cover Der Spanische Bürgerkrieg Anton Beevor

Antony Beevor zeigt in seinem Buch Der Spanische Bürgerkrieg, dass es nicht einfach ist, ein historisches Ereignis objektiv darzustellen, besonders nicht diesen Bürgerkrieg. Im Spanien von 1936 gab es kein Schwarz oder Weiß mehr. Größenteils herrschte Armut, Verzweiflung und Chaos. Wie in der Weimarer Republik in Deutschland standen Morde, Hinrichtungen und Übergriffe mit tausenden Toten an der Tagesordnung. Im Nachhinein können heute Zufälle, Lügen, Falschinformationen oder gezielt gesetzte Propaganda kaum mehr verifiziert werden. Trotzdem schafft Antony Beevor mit der unglaublicher Menge an Detailinformationen einen objektiven Gesamteindruck der Geschehnisse.

General Franco und Picasso

Bevor ich das Buch gelesen hatte, verband ich den Begriff Spanischer Bürgerkrieg mit der Figur des General Francisco Franco und dem Bild Guernica von Pablo Piccasso. Mehr wusste ich über das Spanien des 20. Jahrhunderts nicht. Vielleicht war das der Grund, warum mich das Buch von Antony Beevor interessierte. Was passierte bei diesem Bürgerkrieg? Warum malte Picasso ein Bild über eine zerbombte, spanische Stadt? Was hatten Ernest Hemingway und George Orwell dort zu suchen? Die Lektüre des Buches entpuppte sich für mich als die spannendste Lektüre des Jahres 2016.

König Alonso XIII und sein Volk

Antony Beevor arbeitet in den ersten Kapiteln die Voraussetzungen für den Spanischen Bürgerkrieg heraus. Er geht zurück bis ins Jahr 1492. Isabella von Kastilien zog siegreich in Granada ein. Es war der Höhepunkt eines langen Kreuzzugs des Traditionalisten für eine geeintes Spanien. Durch die uneingeschränkte Macht der Kirche im Land verarmte Spanien immer mehr. Ein Großteil der Bevölkerung wanderte ins Ausland aus. Das Land verwehrte sich im 17. und 18. Jahrhundert der Industrialisierung. 1788 stellte sich bei einer Volkszählung heraus, dass 50% der erwachsenen Männer keiner produktiven Arbeit nachgingen. Armee, Kirche und der Adel lagen als schwere Last auf der Bevölkerung. Bezeichnend dafür gab es ein spanisches Sprichwort:

Die eine Hälfte Spaniens isst und arbeitet nicht, während die andere Hälfte arbeitet, aber nichts zu essen hat.1

Antony Beevor nimmt ein Photo von König Alonso XIII als Symbol her. Der König sitzt im Anzug in seinem Automobil, eines der ersten in Spanien. Das Fahrzeug ist liegengeblieben. Bäuerlich gekleidete, braungebrannte Figuren schieben das Fahrzeug einen Hang hinauf. Als Kommentar zu diesem Bild stand in der Presse: Der innigste Wunsch des Königs sei „der direkte Kontakt zu seinem Volk“. Krasser konnte die Kluft zwischen herrschender Klasse und der Bevölkerung Spaniens nicht dokumentiert werden.

(Bild König Alonso, Auto)

Konfliktlinien und internationale Einmischung in Spanien

Was den Spanischen Bürgerkrieg besonders komplex machte, waren die ineinandergreifenden Konfliktlinien, die sich durch das Machtgefüge Spaniens zogen. Nach dem Putsch von Miguel Primo de Rivera 1923 herrschte Kriegszustand im Land. Mit der Ausrufung der Republik 1931 begannen Morde, Hinrichtungen und Übergriffe mit tausenden Toten zur Tagesordnung zu gehören. Die neue Republik unter José Azana, laizistisch und antiklerikal geprägt, versuchte soziale und politische Reformen umzusetzen, für die andere Länder ein ganzes Jahrhundert gebraucht hatten. In Spanien hatten friedliche Lösungsfindungen keine Tradition. In das Machtvakuum, das nach der Abdankung von König Alonso XIII entstanden war, drängten von allen Richtungen Ideologien, die ihre Vorherrschaft gewaltsam durchsetzen wollten.

Doch Beevor nennt es eine irreführende Vereinfachung, den Spanischen Bürgerkrieg als einen Konflikt zwischen Links und Rechts darzustellen. Es waren nicht nur die Klasseninteressen. Vielmehr spielten zwei weitere Antagonismen eine große Rolle: der Kampf zwischen  autoritärer Herrschaft und Freiheitsstreben, sowie zwischen Zentralregierung und dem Selbständigkeitsdrang der separatistischen Regionen.

Faschismus gegen Kommunismus

Im weiteren Verlauf des Bürgerkrieges kam es immer mehr zur Einmischung ausländischer Kräfte. Hitler und Mussolini trugen mit Waffenlieferungen entscheidend zum Kriegsausgang bei. Der Vatikan intervenierte und suchte seine Interessen zu wahren. Aus den USA kamen von der Texaco Öl- und Lastwagenlieferungen. Stalin unterstützte bis kurz vor Ende die Kommunisten unter den Republikanern. Die Westliche Allianz hielt sich zurück. Spanien wurde das Schlachtfeld der ganzen Welt. Ein Kampf zwischen Faschismus und Kommunismus.

Spanien wurde für das Schlachtfeld gehalten, auf dem über die Zukunft entschieden würde. Diese Überzeugung hielt sich auch lange danach. Noch heute argumentieren manche, dass ein Sieg der Republik den Zweiten Weltkrieg verhindert hätte. 2

Der Aufstand der Generäle in Marokko

Beevor bezeichnet den Aufstand der Generäle 1936 nur einen Kumulationspunkt des Konflikts. 3 Die republikanischen Linken unter Manuel Azana, den Sozialisten unter Francisco Largo Caballero, anarchistischen Bewegungen und der Präsident Casares Quiroga drohten Spanien von innen her aufzulösen. Im spanischen Marokko schlossen sich die Generäle José Sanjurjo, Mario Mola und Francisco Franco zusammen. Die erste Luftbrücke in der Kriegsgeschichte ermöglichte die Übersetzung der Truppen Francos von Marokko nach Spanien. Italienische Savoia-Bomber und 800 Flüge mit deutschen B-52 und Heikel 51 waren beteiligt. Die Deutschen nannten die Luftbrücke „Unternehmen Feuerzauber“. Es war die erste Luftbrücke in einem Krieg dieses Ausmaßes. Die Nationalisten begannen einen unerbittlichen Bürgerkrieg.

Die großen Schlachten des Spanischen Bürgerkriegs

Den Verlauf des Krieges schildert Beevor in allen Einzelheiten. Da gibt es die Republikaner, die zu Stolz sind, Schützengräben zu graben. Überall fehlt es an Waffen. Wenn Waffen zur Verfügung stehen, dann ist die Munition nicht kompatibel. Besonders bei den Republikanern herrscht nach den überlieferten Berichten meist Chaos. Beschönigende Frontberichte und mangelnde Kommunikation waren an der Tagesordnung.

Abbildungen Schlachtpläne Beevor Spanischer Bürgerkrieg
Ausführliche Pläne zu den wichtigsten Schlachten im Anhang des Buches.

Mit unzähligen Angriffskarten zeigt Beevor auf, wie die Nationalisten nach und nach Spanien erobern. Alles beginn mit dem Vormarsch im Süden 1936 bei Ronda, Granada und Sevilla. Besonders interessant ist der Kampf um die Hauptstadt Madrid 1936, und die jahrelange Spaltung der Stadt. Zu jeder großen Schlacht hat Beevor direkte Berichte, Zahlen und Besonderheiten zu berichten. In den Schlachten um Boadilla 1936, Jarama und Guadalajara 1937 zu Beginn zeigen die Republikaner noch stärkere Gegenwehr. In Teruel wendet sich 1937 das Blatt für die Nationalisten. Grausame Verluste muss es bei der Aragon-Offensive gegeben haben. Die Ebro-Schlacht 1938 erweist sich als eine Vorentscheidung in diesem Bürgerkrieg. Sie wird ein Gemetzel und eine Materialschlacht, die die Republikaner unwiederbringlich schwächt. Das Ende der Republikaner war dann nur mehr eine Frage der Zeit.

Die Generalprobe für den Zweiten Weltkrieg

Für Hitler und Mussolini bedeutete der Spanische Bürgerkrieg ein Test und die Weiterentwicklung ihrer Waffensysteme und ihrer Strategien in der Kriegsführung. Das nationalsozialistische Deutschland unterstützte die Nationalisten bis 1939 mit finanziellen Mitteln in der Höhe von $ 215 Mio. Die Legion Condor der Deutschen, zählte 12.000 Soldaten und 100 Flugzeuge. Sie kämpfe in den Schlachten von Bilbao Brunete, Teruel, Ebro und Guernika mit. In der Schlacht um Belichte setzten die Deutschen das erste Mal den „Blitzkrieg“ um. Dort tauchte das erste mal die berüchtigte „Stuka“ auf. Flächenbombardements testeten sie in Guernica und Madrid.

Abbildungen von deutschen Truppen im Spanischen Bürgerkrieg
Deutsche Truppen in Spanien an der Seite General Francos Nationalisten.

Aber auch die Italiener unter Mussolini hatten bis zu 80.000 Soldaten (Corpo Truppe Volontarie – CTV) in Spanien. Wie waren mit 1000 Flugzeugen, 2000 Artilleriegeschützen und 1000 Gefechtswagen vor Ort. Für Italien entwickelte sich nach Belegen von Beevor die Intervention in diesem Krieg als finanzielles Desaster. Portugal hatte bis zu 12.000 Freiwillige in Spanien, die für Franco kämpften. Sogar Irland war mit 700 Mann als Irische Brigarde vor Ort.

Der Einfluss Stalins auf die Republikaner war während des Kriegs indifferent. Die Kommunisten sorgten letztendlich für die Aufspaltung der Republikaner. Die gelieferten Waffen erwiesen sich den deutschen und italienischen Waffen im Laufe der Zeit unterlegen. Stalin entschied sich schließlich, den Konflikt mit Hitler zu vermeiden, was sich in dem Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt 1936 manifestierte.

Der Autor Antony Beevor

Antony Beevor, geboren 1946, ist durch seine Bücher über historische Themen weltbekannt geworden. Titel wie Berlin 1945 – Das Ende4, Stalingrad5 oder D-Day6 sind weltweite Bestseller. Er studierte an der Royal Military Academy Sandhurst und diente als Berufsoffizier in der britischen Armee.

Alle seine Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sie exzellent recherchiert sind. Allein der Anhang dieses Buches ist 110 Seiten lang. Listen von Abkürzungen und politischen Gruppierungen geben einen Überblick  über die verwirrend vielen Opponenten. Angriffspläne und Übersichtskarten der wichtigsten Offensiven helfen beim Lesen des Buches den Überblick zu behalten.

Abbildung Schlacht am Ebro 1938 Spanischer Bürgerkrieg
Der Schlachtplan der fatalen Kämpfe am Ebro 1938 am Ende des Spanischen Bürgerkrieges.

Eine absolute Leseempfehlung

Mich hat dieses Buch auf Grund seiner Tiefe und inneren Widersprüchlichkeit beeindruckt. Das Lesen wirkte auf mich wie ein Puzzle, das vor meinen eigenen Augen langsam zusammengesetzt wird. Hier und dort fügt Beevor fehlende Stücke ein und bewertet sie. Oft warnt er vor der Glaubwürdigkeit der eigenen Quellen. Er beschwichtigt den Leser, die damaligen Zustände zu verstehen und überlieferten Fakten nicht zu sehr zu vertrauen. Beevor zeigt in seinem Buch Der Spanische Bürgerkrieg, dass Geschichte nie eindeutig ist. Geschichte ist nie fein säuberlich aufgeräumt. Geschichte endet stets mit Fragen. Und so endet auch dieses Buch. Es hinterlässt einen gewaltigen Gesamteindruck und zeigt, dass wir im Nachhinein nie alles genau wissen werden können.

Weiterführende Bücher und Blogs

Uwe Kalkowsky rief auf seinem Blog www.kaffeehaussitzer.de ein Leseprojekt zum Spanischen Bürgerkrieg ins Leben. Dort findet ihr zahlreiche Literatur zum Weiterlesen.

Der Autor Erich Hackl beschäftigte sich intensiv mit dem Spanischen Bürgerkrieg. Ein Interview und eine ausführlicher Beitrag ist auf der Webseite des ORF zu finden:

http://oe1.orf.at/artikel/432090

Verlagsinformationen zum Buch:

https://www.randomhouse.de/Paperback/Der-Spanische-Buergerkrieg/Antony-Beevor/Pantheon/e359139.rhd

  1. Beevor, Antony: Der Spanische Bürgerkrieg. 1936-1939. Pantheon Verlag: München 2016, S. 21
  2. Beevor, Antony (2016), S. 207)
  3. Beevor, Antony (2016), S. 17
  4. Beevor, Antony: Berlin 1945 – Das Ende. Pantheon Verlag: München 2003
  5. Beevor, Antony: Stalingrad. Pantheon Verlag: München 2010
  6. Beevor, Antony: D-Day. Die Schlacht um die Normandie. Pantheon Verlag: München 2011
Der Spanische Bürgerkrieg Book Cover Der Spanische Bürgerkrieg
Antony Beevor
Sachbuch
Pantheon Verlag
18. Jänner 2016
Taschenbuch
656
978-3-570-55147-9
Ratingstars

6 Kommentare

  1. Buchbahnhof

    Hey!
    Das hört sich sehr spannend an. Ich muss gestehen, dass ich über den Spanischen Bürgerkrieg rein gar nichts wusste bisher. Deine Rezension hat schon mal einen kleinen Überblick verschafft und wenn man sich mit dem Thema näher auseinandersetzen möchte, dann ist das Buch sicher sehr gut geeignet.
    Danke für die Rezension.
    Lieben Gruß
    Yvonne

    • Hans Caastorb

      Hey Yvonne!
      Es freut mich, dass es bei dir etwas Interesse geweckt hat. Ich denke, es ist kein einfaches Thema. Ich hatte vor dem Lesen dieses Buches auch sehr wenig Ahnung vom Spanischen Bürgerkrieg. Beim Lesen fand ich besonders interessant, dass ja Ernest Hemingway und Orson Welles dort unten freiwillig mitgekämpft haben oder zumindest als Kriegsberichterstatter bei den Kämpfen vor Ort waren. Parallel zu diesem Buch las ich die Bücher Wem die Stunde schlägt von Hemingway und Mein Katalonien von Orson Welles. Und der Literat Gustav Regler führte ein Kriegstagebuch aus dem der Roman The Great Crusade entstand. Ich glaube, zum Thema Spanischer Bürgerkrieg muss ich noch ein paar Buchbesprechungen anhängen 😉

      Vor allem Antony Beevor kann ich jetzt als Autor sehr empfehlen.

      Liebe Grüße,
      Hans Caastorb

  2. Ela

    Hallo Hans,
    eine sehr interessante und ausführliche Rezension, die aus der Masse heraussticht.
    Deshalb schau ich ganz gerne immer wieder mal auf deinem Blog vorbei, denn du stellst Bücher vor, die mir vorher kaum aufgefallen wären.
    Ich wünsche Dir ein erfolgreiches 2017!
    liebe Grüße
    Ela

    • Hans Caastorb

      Hi Ela,
      freut mich, dass ich Dein Interesse wecken konnte 😉
      Leider lese ich viel zu viel und komme kaum zum Bloggen. Ich schreibe dann halt einfach nur über die Bücher, die mich wirklich beeindruckt haben.
      Liebe Grüße,
      Hans

  3. Mikka

    Huhu!

    Ich muss zugeben, mein Wissen über den Spanischen Bürgerkrieg ist nahezu nichtexistent – außer General Franco und Hitlers Waffenlieferungen fällt mir kaum etwas ein! Deine Zusammenfassung der Ereignisse zeigt mir deutlich, wie wenig ich tatsächlich darüber weiß, dabei klingt es nach einen spannenden und wichtigen Thema.

    LG,
    Mikka

    • Hans Caastorb

      Huhu!
      Ja, ich war selbst fasziniert, was da alles passiert ist. Im Nachhinein ist es völlig unmöglich nachzuvollziehen, was da alles passiert ist. Ernest Hemingway und Orson Welles waren jeweils direkt an den Kämpfen beteiligt. Welles kehrte mit einem Schuss in den Hals als Kriegsverletzter zurück in seine Heimat. Ich habe zu dem Thema noch so viel interessante Literatur gefunden, dass ich anfangs nicht wusste, wo zu lesen beginnen soll.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>