Arc de Triomphe – Die Liebe, die Illegalität und die Flucht

Paris 1938 – Erich Maria Remarque beschreibt in seinem Exilroman Arc de Triomphe eindrucksvoll die Reste der Seele von Menschen, die auf der Flucht sind. Von Angst, Tod und Unterdrückung paralysiert, ergeben sich die Protagonisten ihrem Schicksal. Eine abgestumpfte Sehnsucht nach Liebe, Glück und Sicherheit treibt sie. Es ist eine Flucht ohne Ziel in ein paar geschenkte Stunden einer Illusion. Die wahre Liebe hat es schwer in solchen Zeiten.

Arc de Triomphe ist eine der traurigsten Liebesromane, die ich bisher gelesen habe. Zwei Menschen laufen sich in Paris zufällig über den Weg. Sie verlieben sich ineinander. Beide sind traumatisiert von Krieg, Folter oder Flucht. Ihre Liebe bleibt bis zum Ende bestehen, doch ihre Vergangenheit holt sie ein. Die Umstände machen es einer dauerhafte Liebe sehr schwer.

Zusammenfassung

Die Handlung des Romans spielt im Paris des Jahres 1938 kurz vor Kriegsbeginn. Der deutsche Chirurg Ravic lebt illegal in Paris. Seine Frau ist von dem Gestapo-Agenten Haake zu Tode gefoltert worden. Ravic hat aus dem Konzentrationslager fliehen können. Gemeinsam mit anderen Verfolgten lebt er in Paris in einem Hotel. Als Flüchtling arbeitet er illegal als Chirurg für korrupte, französische Ärzte und als Doktor in einem Freudenhaus. Er rettet Patienten bei verpfuschten Operationen oder hilft den Chirurgen, wenn sie nicht mehr weiter wissen. In einer Nacht lernt er die Sängerin Joan Madou zufällig auf der Straße kennen, als sie mit dem Gedanken spielt, sich von einer Brücke zu stürzen. Ihr Freund ist kurz vorher in ihrem Hotelzimmer verstorben. Sie weiß nicht, was sie machen soll. Ravic hilft ihr, die Situation zu klären. Anfangs kann er mit ihr nichts anfangen und will sie loswerden. Doch die beiden sehen sich wieder und beginnen ein Verhältnis. Ravic erfährt ein Gefühl der bedingungslosen Liebe, ein Gefühl, das er glaubte, schon längst verloren zu haben. Doch es ist eine verworrene Zeit, die auf Liebe keine Rücksicht nimmt.

Die Menschen im Exil

1938 ist das Jahr, in dem der geflüchtete Schriftsteller Ödön von Horvàth in Paris am Champs-Èlysées von einem Ast erschlagen wird. Zu dieser Zeit flüchteten viele Exilautoren vor dem deutschen Regime nach Paris. Auch Franz Werfel und seine Frau Alma Mahler verweilten zu dieser Zeit in Paris. In ihrer Autobiographie Mein Leben beschreibt Alma Mahler-Werfel treffend die Stimmung unter den geflüchteten Künstlern:

„Es ist ja egal, man lebt so hin, wie das Tier, ohne Arbeit, ohne Musik, ein Schatten seiner selbst. Wenn das Sichumbringen nicht so weh täte, ich hätte es längst getan.“ (Alma Mahler-Werfel)1

Bücher Alma Mahler/Joseph Roth

Ähnlich wie in dem Roman Fiesta von Ernest Hemingway 2 schreibt Remarque über eine vom Ersten Weltkrieg und der Verfolgung durch die Nazis desillusionierte verlorene Generation. Die Menschen flüchten sich in Alkohol und kurzweiliges Glück. Um Hemingways Worte zu verwenden:

„Menschen, die so tief im Sumpf des Alkoholismus und der Dekadenz versunken ist, dass es ihnen nicht gelingt, ein neues Leben zu beginnen.“ (Ernest Hemingway)

Auch Ravic lebt von einem Tag zum nächsten. Wenn er nicht arbeitet, dann läuft er ziellos durch die Stadt, trinkt am liebsten Calvados und verbringt seine Zeit in Bistros und Nachtclubs. Er fühlt sich permanent müde. Schlafen kann er nur aus Erschöpfung. Er ist ein Getriebener ohne Ziel.

Das geborgte Zuhause – das Hotel

Ravic wohnt in einem kleinen, baufälligem Hotel, das illegalen Einwanderern ohne viele Fragen ein Zimmer anbietet. Er versperrt nie sein Zimmer. Wenn jemand etwas stehlen will, dann tut er es auch, wenn die Tür abgeschlossen ist, meint er einmal zu Joan. Joan und Ravic brauchen Licht im Zimmer. Das Licht gibt ihnen Sicherheit. Ravic lässt immer das Licht brennen, wenn er aus seinem Zimmer geht. Die Dunkelheit weckt die Erinnerung der Vergangenheit. Die Besitzerin des Hotels hängt je nach dem, welche Flüchtlinge gerade ihr Hotel bewohnen die entsprechenden Bilder mit Portraits von Politikern an die Wände. Die Zeiten sind wechselhaft. Flüchtlinge kommen und andere Flüchtlinge gehen. Neben einem jüdischen Ehepaar, das hauptsächlich miteinander streitet, wohnt Ravics bester Freund und Schachpartner Boris Morosow in diesem Hotel. Er ist Portier in dem russischen Nachtclub „Scheherazade“. Über Ravic wohnt ein jüdischer Deutscher, der millionenschwere Gemälde in seinem Zimmer hängen hat, von denen niemand weiß. Das Hotel ist das Lebenszentrum dieser Menschen, ein Zuhause auf Zeit. Alle kennen sich. Sie wissen, dass sie nicht lange bleiben werden. Sie ahnen, dass der Krieg gegen Deutschland bald ausbrechen wird. Die Zukunft ist ungewiss. Ich musste bei den Szenen im Hotel immer an den Roman Hotel Savoy3 von Joseph Roth denken. In diesem Roman ist vor allem das Hotel das Zentrum des Geschehens und beherbergt Menschen unterschiedlichstem Status.

Die neue Sachlichkeit und Arc de Triomphe

Obwohl der Roman erst 1945 im Exil in Amerika geschrieben worden ist, bedient er sich vieler Merkmale der Neuen Sachlichkeit. Nach dem Bestseller Im Westen nichts Neues war der Roman Arc de Triomphe der zweite Bestseller, den Remarque geschrieben hatte. Mit schlichter Sprache kommentiert Ravic selbst die Geschehnisse. Meist wirken seine Äusserungen brutal gefühllos und objektiv. Remarque wollte mit seinem Roman den Amerikanern veranschaulichen, wie es um die Menschen in Europa stand. Das Buch ist durchzogen von auch teilweise verbitterten Allgemeinweisheiten. Die Menschen sind verbittert und ohne Perspektive. Hier ein paar Beispiele aus dem Text:

„Mitleid ist etwas für ruhige Zeiten. Nicht, wenn es ums Leben geht. Begrabe die Toten und friss das Dasein! Du wirst es noch brauchen müssen. Trauer ist eines, Tatsachen sind ein anderes. Man trauert nicht weniger, wenn mann trotzdem die Tatsachen sieht und anerkennt. Nur so überlebt man.“4

„Was man vergisst, das fehlt einem später im Leben, mein Herr“, erklärte er. „Richtig, und was man nicht vergisst, macht es einem zur Hölle.“5

„Die Welt fährt eifrig fort, ihren Selbstmord vorzubereiten und sich gleichzeitig darüber hinwegzutäuschen. „6

„Die Liebe macht die Frau scharfsinnig und den Mann konfus.“7

„Frauen soll man anbeten oder verlassen. Nichts dazwischen“.8

„Die Liebe ist kein Händler, der seine Einlagen zurückhaben will. Und die Phantasie braucht nur ein paar Nägel, um ihre Schleier daran zu hängen. Ob es goldene, blecherne oder verrostete sind, macht ihr nichts. Wo sie sich fängt, da fängt sie sich.“9

Die Rolle der Frauen in dieser Zeit und im Roman

Das Leben ist 1938 erbarmungslos geworden, auch in Paris. Es war eine Männerwelt, wieder einmal. Die Rolle der Frau fiel zur Zeit der Weimarer Republik von einem Extrem in das andere. Frau verloren während des Ersten Weltkriegs ihre feste Rolle in der Gesellschaft. Im Krieg mussten sie die fehlenden Männer ersetzen. Mit Ausrufung der deutschen Republik im November 1919 wurde Frauen erstmals das Wahlrecht zugesprochen. Dann kamen die Männer von der Front zurück, traumatisiert vom Krieg oder tot geglaubt, und holten sich ihren Platz zurück. Berthold Brechts behandelt in seinem Drama Trommeln in der Nacht 10 die Problematik des Wiedergängers. Der Mann kommt vom Krieg zurück. Sein Platz im weißen, großen Bett ist belegt. Die Heimat fiel dem Krieg in den Rücken und nahm den Heimkommenden ihre Frauen. Remarque hat dieses Thema in diesen Roman eingebaut. Ravic wird gefasst und nach Deutschland abgeschoben. Als er nach drei Monaten wieder zurückkommt, hat Joan einen anderen.

Die erste Phase der Deutschen Republik war gezeichnet von Aufständen, Putschversuchen und politischen Morden. Viele Männer waren im Krieg gefallen, invalid oder arbeitslos. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung ab 1923 entwickelte sich eine neue Emanzipation der Frauen. Sie sorgten für den Unterhalt und stellten in den Zwanzigerjahren 36 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung. Eine neue Mode entwickelte sich: Marlene Dietrich und Coco Chanel gaben Frauen ein neues Lebensgefühl. Man tanzte Charleston, trug kniekurze Hängekleider, glänzende Seidenstrümpfe und genoss die neue Extravaganz. Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 und dem Zusammenbruch der deutschen Banken versank alles wieder im Chaos. Hitler begann seinen Siegeszug. „Alles ist zur Ware geworden…“, schreibt Irmgard Keun in ihrem Buch Das kunstseidene Mädchen11. Es ist einer der bedeutendsten Romane der Weimarer Republik, die von einer Frau geschrieben worden sind. In tagebuchartigen Einträgen schildert Irmgard Keun eine Frau, die in der Metropole Berlin Fuß fassen will und scheitert. Als Einzelkämpferinnen hatten Frauen in dieser Zeit keine Chance.

Bei Remarque sind die Frauen in ihrer Hoffnungslosigkeit auf ihre Körperlichkeit reduziert. Es sind Frauen, die kurz vor dem Selbstmord stehen, unheilbar Krebskranke, Frauen ohne Gebärmutter, Prostituierte, die sich von ihren Zuhältern unterdrücken lassen oder im Krankenhaus an Operationen sterben. Es sind hilflose Kreaturen, die ihr kurzzeitiges Glück bei Männern suchen. Traumatisiert von Armut, Flucht oder Gewalt, versuchen sie irgendwo Halt und Sicherheit zu finden, eine Sicherheit, die in dieser Zeit nicht möglich ist.

Bücher Weimarer Republik

Das Leseerlebnis

Mich berührte die düstere Stimmung in der Geschichte. Besonders die unerfüllte Liebesbeziehung zwischen Ravic und Joan baut eine unglaubliche Spannung auf. Beide wissen, dass sie sich lieben. Ihre paralysierten Seelen, verhärtet durch ihre kriegsbedingten Erfahrungen, lassen offene Gefühle nur in der warmen Vertrautheit des eigenen Bettes zu. Nur der Alkohol löst kurzzeitig den Schutzpanzer. Ihre Liebe flammt immer wieder auf. Es ist ein Konflikt der die Liebenden verzweifeln lässt. Das Hotelzimmer ist der einzige Zufluchtsort für die beiden. Tragisch, herzzerreißend, erschütternd sind die Charaktere gezeichnet. Der Krieg zerstört die Seele des Menschen.

Schade, dass dieses Buch nicht mehr gelesen wird. Meiner Meinung nach ist es ein Buch, dem zu unrecht wenig Beachtung geschenkt wird. Es zeigt direkt die Menschen und ihre Probleme auf der Flucht und in der Illegalität. Das Buch dokumentiert die Auswirkungen von Flucht auf Menschen und ihre psychische Verfassung.

Die Verfilmungen von Arc de Triomphe

In den Verfilmungen geht leider die Stimmung im Roman verloren. Sie wird für die Allgemeinheit auf eine rein romantische Ebene heruntergebrochen und verkürzt. Trotzdem kann ich die Verfilmungen sehr empfehlen. Besonders in dem Film von 1985 spielt Anthony Hopkins den Chirurgen Ravic reserviert, gefühllos und bringt seine inneren Spannungen sehr gut zur Geltung.

„Triumphbogen“ – 1948 mit Ingrid Bergman, Charles Boyer und Cahrles Laughton12

„Im Schatten des Triumphbogens“ – 1985 mit Anthony Hopkins und Lesley-Anne Down13

Hopkins und Down im Film "Im Schatten des Triumphbogens"
Anthony Hopkins (Ravic) und Lesley-Anne Down (Joan) in Film „Im Schatten des Triumphbogens“

 

 

  1. Mahler-Werfel, Alma: Mein Leben. Biographie. S.Fischer Verlag: Frankfurt am Main 1969, S. 297
  2. Ernest, Hemingway: Fiesta Rovolt Verlag: Reinbeck 1984, S. 288
  3. Roth, Joseph: Hotel Savoy. Verlag Kiepenheuer & Witsch: Köln, S. 100
  4. Remarque, Erich Maria: Arc de Triomphe. C. A. Koch’s Verlag: Wien, 1979, S. 99
  5. Remarque (1979) S. 104
  6. Remarque, (1979), S. 136
  7. Remarque (1979), S. 196
  8. Remarque (1979), S. 249
  9. Remarque (1979), S. 404
  10. Berthold, Brecht: Trommeln in der Nacht. Suhrkamp Verlag 1971. S. 60
  11. Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen. List Taschenbuch: Berlin 2011, S. 242
  12. Film Triumphbogen Wikipedia
  13. Film Im Schatten des Triumphbogens Wikipedia
Arc de Triomphe Book Cover Arc de Triomphe
Erich Maria Remarque
Roman
Kiepenheuer & Witsch
1. Januar 1979
Taschenbuch
445
978-3-462-02723-5

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